Wie die Kinder Mimolette fanden

13914130_277613249268414_1372986733262185538_oAn einem sehr heißen Tag im letzten Sommer gingen Stilton, Tina, Parmesan und der kleine Pecorino zum Briefkasten, um einen Brief nach Maustralien einzuwerfen. Dort wohnen viele unserer Verwandten, und von dort kommen auch der hochbegabter Stilton und seine Familie. Pecorino, der bekanntlich eine superfeine Nase besitzt, hatte wie immer seine Rose dabei, denn er liebt ihren Duft über alles.  Was keiner von uns ahnte: Es war ein Besonderer Tag. Vielleicht lag es an der außerordentlichen Hitze oder an irgendeiner ungewöhnlichen Planetenkonstellation. Möglicherweise stand die Sonne ja im Zeichen der Kleinen Haselmaus oder der Geflügelten Wanderratte? Wir wissen es nicht. Was dann kam, passierte jedenfalls völlig unerwartet.

Als unsere Kinder am Briefkasten standen,  spürten sie auf einmal einen eisigen Luftzug, fast so als würde ein Schneesturm aufziehen oder ein Eisriese niesen, und dann wurde es plötzlich so mucksmäuschenstill, als hielte die Welt den Atem an. Die vier drängten sich eng zusammen, weil sie vor Kälte zitterten. Sie ahnten nicht, dass sich vor ihnen gerade eine Zeitfalte auftat. „Plötzlicher Kälteeinbruch“, meinte Stilton zähneklappernd. Er hat normalerweise für alles eine rationale Erklärung parat und für esoterische Gedanken nicht das Geringste übrig. Doch auch er fühlte sich unbehaglich. Ohne zu überlegen, fassten sich die Kinder bei den Händen, was zufällig haargenau das Richtige ist, wenn man vor einer Zeitfalte steht. Als sie sich vorsichtig umdrehten, entdeckten sie ein steinaltes Haus, das bis dahin todsicher nicht an dieser Stelle gestanden hatte, sonst hätten wir es ja längst gesehen, denn wir gehen ziemlich oft zum Briefkasten und werfen Briefe nach Maustralien ein. Es war von Efeu umwachsen, besaß einem verwilderten Garten, der zwischen hohen Mauern lag, und wirkte zumindest auf den ersten Blick völlig verlassen. Tina und Parmi hatten ein bisschen Angst, aber Stilton meinte, das könne nur eine Fata Morgana sein, alles andere wäre unsinnig, und da unsere Kinder meistens auf Stilton hören, weil er fast alles erklären kann, und von Natur aus neugierig sind, beschlossen sie, trotz des mulmigen Gefühls das Haus zu erforschen. „Und wenn da Geister drin wohnen?“ überlegte Tina. „Absolut absurd“, sagte Stilton streng. Stilton ist ein kleiner Naturwissenschaftler und entspannt sich zu unserer Verwunderung am liebsten mit komplexen Zahlenreihen und schweren Brüchen. Er ist etwas kopflastig, was gelegentlich zum Problem wird. Er kennt nämlich so viele Fremdwörter, dass ihn die anderen Kinder manchmal nicht verstehen. Vor allem Tina, die Stilton sehr bewundert und sich leicht verunsichern lässt. Sie kannte das Wort absurd nicht, spürte aber genau, was Stilton dachte, und hielt daher gleich den Mund.

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Als die Kinder vor dem Haus standen, öffnete sich die Tür ganz von selbst, als hätte jemand dahinter nur auf sie gewartet. Einzig Pecorino blieb draußen, denn er hatte Riesenlust, sich zwischen den Büschen oder hinter den Gartenmauern zu verstecken. In unserem Roten Maushaus versteckt er sich auch ständig – in den Schränken, unter den Betten und sogar im Kühlschrank! Meistens finden wir ihn schnell, weil er immer so laut kichert. Diesmal hatte er ein wirklich tolles Versteck erspäht: ein leeres Gewächshaus. Da würden ihn die anderen bestimmt nie finden! 13938107_278520535844352_1438040280946017095_oVon hier aus hatte er außerdem einen hervorragenden Blick auf das Haus und schaute erwartungsvoll hoch zu den Fenstern. Was war das? Stand da nicht ein schmaler Schatten hinter dem Vorhang? Und wer war das scheue graue Etwas, das da über den Balkon huschte? Jedenfalls keins unserer Kinder! Und auch kein Gespenst! Das war ein fremdes Mausmädchen! Mit rosa Schleife! Pecorino war so aufgeregt, dass er sein Versteck vorzeitig verließ und zum Haus lief, um den anderen davon zu erzählen. Doch die glaubten ihm nicht. „Das sind nur Halluzinationen“, meinte Stilton. Pecorino wußte nicht, was Halluzinationen waren, und war beleidigt. Nie nahmen die anderen ihn ernst! Nicht mal Tina. Bloß weil er so klein war. Dabei hatte er wirklich was gesehen! Das hatte er in der Tat. Er hatte Mimolette gesehen.

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Mimolette zaubert

Bevor sie zu uns kam, war Mimolette ein Verlorenes Kind, das bedeutet, dass sie keine Eltern hatte und allein aufwachsen musste. Wie die meisten Verlorenen Mauskinder fiel sie aus Gründen, die man leider im Nachhinein nie mehr herausfinden kann, in die Anderswelt und wuchs danach in den unterschiedlichsten Büchern und Geschichten auf, denn verlorene Kinder müssen so lange von einem Buch ins andere wandern, bis sie gefunden und erlöst werden.  Das geht nur bei Rotem Vollmond, wenn sich die Pforten der Anderswelt gelegentlich öffnen, oder an einem Besonderen Tag, wenn sich eine Zeitfalte auftut. Die meisten Geschichten, in denen Mimolette wohnte, waren ziemlich gruselig. Mimolette war ja noch klein und wußte nicht, dass alle Märchen gut ausgehen. Selbst wenn Hexen, böse Wölfe, Riesen und gemeine Stiefmütter darin vorkommen. Außerdem hätte sie den Märchenwesen so gern geholfen, doch das ging nicht, denn sie war für alle unsichtbar. So fühlte sie sich schrecklich hilflos und ausgeliefert. Sie hatte ja keine Ahnung, dass wir sie eines Tages finden würden. Mimolette war oft traurig und hatte fast IMG_8175jede Nacht Schwarzträume, vor allem wenn sie sich im Wald vor einem Hexenhaus oder einer Räuberhöhle zusammenrollte und zu schlafen versuchte. Sie war richtig erleichtert, als sie schließlich in das ruhige Haus mit dem verwunschenen Garten gelangte. Hier fand sie zum ersten Mal Ruhe, denn hier war sie allein und hatte genug Zeit zum Ausruhen und Nachdenken. Sie brachte sich in der großen Bibliothek selbst das Lesen bei und entdeckte dabei zufällig ihre ganz besondere Fähigkeit: Sie kann nämlich zaubern. Ein paar Mal gelang es ihr sogar, dass die Rosenbüsche, die an der kahlenIMG_8039 Gartenmauern emporkletterten, mitten im Winter die schönsten Blüten für sie öffneten. Doch sie fühlte sich zunehmend einsam, denn sie wußte ja nicht, ob sie jemals erlöst werden würde und konnte mit keinem  außer mit sich selbst und den Pflanzen und Möbeln reden. Doch Mimolette musste lange warten, bis sie  gefunden wurde.

Als  sie hörte, wie Stilton, Tina und Parmesan das Haus betraten und die Treppe hochstiegen, geriet sie in Panik und rannte gleich durch einen geheimen Gang hinunter in den Garten. Pecorino entdeckte sie schließlich an einem der Törchen, lief zu ihr und gab ihr seine Rose. Mimolette war so überrascht, dass sie ganz vergaß wegzulaufen. Sie schnupperte zaghaft an der Rose und begann zu lächeln. Pecorinos Rose duftet ja nach purem Mausglück, daher war Mimolette sofort beruhigt und fasste Zutrauen zu unseren Kindern.

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Pecorino und Tina nahmen sie schließlich bei der Hand und führten sie aus dem geheimen Garten hinaus in unsere Welt. Und so kommt es, dass die kleine Mimolette jetzt wieder Eltern hat und bei uns im Roten Maushaus in Bs Arbeitszimmer wohnt. Wir versuchen alle, ihr dabei zu helfen, ihre düstere Vergangenheit zu bewältigen und kein Schwarzträume mehr zu haben. Ihre Ängstlichkeit und ihre besondere Verletzbarkeit wird sie wahrscheinlich nie ganz verlieren, aber sie bekommt jeden Abend ein Stück Zaubernougat, und es schläft auch immer eins der Kinder bei ihr im Bett, damit sie nicht allein ist. Am liebsten kuschelt sie mit Pecorino, weil er so beruhigend nach Rosen duftet. Außerdem erzählen wir ihr jeden Abend schöne Mausgeschichten und haben ihr ein buntes Fischkissen gemacht, das sie festhalten kann, wenn sie Trost braucht oder Angst bekommt.

Caerphilly und MimolettePecorino hat ihr die rosa Rose geschenkt, damit sie überall den Duft von purem Mausglück bei sich hat. Inzwischen bekommt sie auch Zauberunterricht bei Caerphilly, damit sie ihre besonderen Fähigkeiten besser entfalten kann, denn ganz allein kann man unmöglich richtig zaubern lernen. Man braucht dazu unbedingt eine erfahrene Lehrerin oder einen erfahrenen Lehrer. Übrigens können nur ganz, ganz wenige von uns zaubern. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Anderswelt, in der unsere Kinder die kleine Mimolette gefunden haben, gehört übrigens zu einem Buch, das „Der geheime Garten“ heißt und wirklich sehr schön ist. Man sollte sich nur nicht so lange darin aufhalten wie Mimolette.

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4 Antworten zu Wie die Kinder Mimolette fanden

  1. Dorothea von der Höh schreibt:

    Liebe kleine Mimolette, ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass die Kinder dich gefunden haben!! Es sind ganz besondere Kinder – sie sind freundlich und klug und mutig. Aber das weißt du ja inzwischen. Ich freue mich immer, von dir zu lesen und auf den Fotos zu sehen, dass es dir schon so viel besser geht. Ganz liebe Grüße, bis bald mal wieder.

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  2. Petra D. schreibt:

    Hach bin ich froh das die kleine Mimolette gefunden worden ist und nun bei euch im Maushaus leben darf 😊
    Ich hoffe, dass noch viele andere verlorene Kinder gefunden werden. Es ist so traurig dass sie in der Anderswelt umherirren müssen 😢

    Schlaft schön und träumt süß meine lieben kleinen Mäuschen. Ich hab euch alle lieb ❤

    Gefällt 1 Person

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